Es ist alles da, warum fangt ihr nicht damit an?

Lange habe ich zu diesem Thema geschwiegen. Mit den aktuellen Zukunftsaussichten/geschätzten Mitgliederzahlen bis 2060 und weil viel zu wenig Bewegung in dieses Thema kommt, hier mein offener Brief an die Kirchenvorstände unserer Landeskirche.

Revision des ursprünglichen Textes

Die Generation unter 40 wird in der evangelischen Kirche viel zu wenig angesprochen, das ist kein Geheimnis und gelebte Realität. Wo man hinschaut, nur wenige Leute aus der großen Generation zwischen 20 und 50 und an vielen Stellen „closed shops“ mit Angeboten vor allem für ältere Menschen. Wieviel großartiger wäre aber eine experimentierfreudige Kirche mit angebots-offenen Gemeindehäusern?

Popkantor Freitöne Stick - Aufnahme für die Ev Luth Kirche

Wir sollten uns immer eines vor Augen halten: Es ist die Kirche der Menschen, ihrer Mitglieder.

Wenn eine komplette junge Generation mit den Füßen abstimmt, austritt oder einfach ständig fernbleibt, ist etwas faul im Staate Dänemark.

Jetzt ist die richtige Zeit

Die Popkantor Band erlebt mit mir zahlreiche Bandgottesdienste an ganz unterschiedlichen Orten im Jahr. Einige der Musiker*innen waren kürzlich sehr irritiert und beinahe entsetzt, weil sie einen Agende-1-Gottesdienst als Gäste erlebt hatten, in dem alle Beteiligten spürbar überhaupt keine Freude daran hatten, ihn zu planen und durchzuführen. Ich beobachte, wie inzwischen viele Kirchenmusiker*innen und Theolog*innen zu mir kommen, die auch von so etwas berichten und das inzwischen sogar offen aussprechen. Es kommt da also etwas in Bewegung und wo man hinschaut, sehe ich rauchende Köpfe, wie es denn in Zukunft werden könnte und wie besser nicht.
Nach den Erfahrungen der letzten Jahre liegt für mich und uns als Band tatsächlich völlig klar auf der Hand, welcher weniger Zutaten es bedarf, dass ein Gottesdienst jedenfalls nicht als „NoGo” für eine junge Generation durchgeht:

Kirche und Popmusik - Freitöne Stick Aufnahmen der Popkantor Band
  • Einfach starten! Einmal im Monat ein Gottesdienst mit modernen Liedern (damit ist vor allem aktuelle christliche Popmusik gemeint!) Wichtig ist dabei zu wissen: Es reicht zumeist nicht, wenn alle Instrumente vorhanden sind und alle einfach drauflos spielen. Spielt die Songs mit einem frischen, sich an großen Hits der Pop- und Rockgeschichte orientierendem Groove-Konzept. Nehmt auch aktuelle Popsongs mit in die Gottesdienste, die die Message transportieren und Raum für Interpretation lassen. Konkrete Beispiele, wie man es machen sollte, sind das Popkantor Songbook oder der Tutorial-/USB-Stick des Liederbuchs Freitöne.
  • Baut eine Band dafür! Was, ihr habt niemanden? Fragt herum und bezahlt zur Not jemanden, der die Band als Bandleader formt und sich beim Netzwerk Popularmusik und beim Popkantor die Coachings für coole und zeitgemäße Band-Versionen holt.
  • Sorgt dafür, dass es optisch schön und anders wird. Inzwischen kann man beeindruckende Lightshows für Abendgottesdienste mit Laptop steuern und das kostet wirklich nicht mehr die Welt. Sucht euch einen Licht-Partner oder pfiffige Technik-Nerds, die eure Gottesdienste in das rechte Licht setzen. Keine Idee? Einfach an info@popkantor.tv schreiben, wir teilen gern unsere Lichtdateien und unseren Aufbau mit euch!
  • Lasst die jungen Menschen selbst Formate gestalten. Wir sollten aufhören, unsere manchmal etwas eigenartigen Vorstellungen auf alle Mitglieder dieser Gesellschaft übertragen zu wollen. Eine bildungsferne Person wird vermutlicherweise nur im Ausnahmefall einen positiv besetzten Zugang zu Chorälen und Johann Sebastian Bach erhalten und das ist in Wahrheit auch völlig egal. Wir Gestaltenden sind fast durchweg höhere Töchter und machen ständig nur Angebote für höhere Töchter. Das muss wirklich sofort aufhören!
  • Geht liturgisch den „dritten Weg“ – jeder Teil des Gottesdienstes gehört auf den Prüfstand gestellt: „Ist das hier cheesy oder verstaubt oder totales Klischee?“ „Was können wir anders gestalten?“ Evaluiert die Teile bei den „jungen“ U40jährigen. Sie werden uns nicht sagen, wie es geht, aber das Bessermachen ist auch unser Job als Gottesdienst-Gestaltende. Hört dabei bitte auch auf, Euch hinter Traditions-Floskeln zu verstecken. Geht nicht gibt’s nicht!
  • Lasst die Orgel einmal schweigen. In modernen Gottesdiensten darf sich die Kantorin/der Kantor mal komplett auf Pop/Rock/Jazz konzentrieren, alles andere wirkt häufig gewollt und nicht rund (eine Erfahrung, die wir leider mit der Popkantor Band immer wieder machen mussten).
  • Etabliert Formate wie das erfolgreiche „Lead-Singer“-Konzept von Pastor Michael Hensel/Popkantor Marco Knichala: Für jeden Sonntag tragen sich jeweils drei Vorsänger*innen in eine Liste ein, die alle Songs mit Mikro von vorn vorsingen, begleitet von einer Band/Kantor*in an Keyboard und Cajon. Gelernt und zuhause geübt haben die Lead-Sänger*innen die Songs vom Freitöne-USB-Stick oder via Youtube.
  • Legt einen Fokus auf Multimedia und orientiert euch an amerikanischen Formaten/dem reichhaltigen technischen Material und füllt es mit lutherischen Inhalten. Jeder von uns findet es toll, wenn Sound, Licht und Videowalls/Beamervideos einen Gottesdienst, ein Konzert oder einen Kinofilm zum Erlebnis machen. Auch wenn ihr es heute noch nicht glaubt: Das könnt ihr auch.
  • Sorgt mittelfristig für eine belastbare technische Ausrüstung. Sorgt mittelfristig für eine belastbare technische Ausrüstung. Wir haben errechnet, dass man für ca. 10.000 EUR eine komplette Band-Ausrüstung, Sound-Anlage, Lichtanlage und Beamersystem kaufen kann. Das sind verglichen mit den großen finanziellen Herausforderungen, denen wir uns sonst stellen müssen, doch Peanuts. Am Ende ist es wirklich gut investiert in eine Zukunft unserer Kirche.
Popkantor in der Ev-luth Landeskirche Hannovers

Ich glaube fest daran, dass wir das schaffen können und würde mich freuen, wenn mittelfristig in jeder Gemeinde die nötigen technischen Voraussetzungen und ein „Running System“ für moderne Gottesdienste etabliert werden. Bei Fragen stehen mein Team im Michaeliskloster Hildesheim und ich Euch gern zur Verfügung.

Mit herzlichen Grüßen

Til von Dombois, Popkantor in der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers




Email-Kontakt: info@popkantor.tv

Es gibt einen Brief des Popkantors an die Kirchenmusiker*innen der Landeskirche als Ergänzung zu diesem Artikel: Download PDF

Share: