7 Tricks für Kirchenmusiker die Pop spielen

Pop Piano im Gottesdienst

7 einfache Dinge, mit denen moderne Kirchenmusik gelingt

1. Timing üben

Popmusik am Klavier zu begleiten ist vermeintlich einfach – der entscheidende Unterschied steckt jedoch im Detail: Während sich klassische Musik meist am gemeinsamen Tempo aller Musiker oder dem vorgegebenen Tempo des Dirigenten orientiert und dort Temposchwankungen aus verschiedenen Gründen gewollt sein können, spielen wir Popmusik fast immer mit einem Schlagzeuger „im Kopf“. Er gibt uns ein klares Timing vor und ermöglicht mit sehr viel Praxis das, was Groove genannt wird.

Wir sollten also, wann immer wir können, eine Drum-Machine in einem Keyboard anmachen (oder auf Youtube Drumtracks auswählen, dann dazu Klavier spielen und eskalieren:)), das richtige Tempo einstellen und dazu den Song üben/durchspielen. Ganz wichtig ist dabei auch, dass das Tempo mitsingbar gewählt wird, man also mit gesundem Menschenverstand nicht zu langsam und auch nicht zu schnell mitsingen kann.
Wenn dann in der Live-Situation das Schlagzeug fehlt, haben trotzdem alle das Gefühl eines vorhandenen Beats, der im Kopf des Spielers abläuft.

Dieser Übungsprozess dauert ein Leben lang und wird nie aufhören. Wenn man da mit Spaß dranbleibt, kann ich versprechen, dass ein ganz neues Lebensgefühl beim Spielen von Popmusik beginnt.

 

2. Begleit-Patterns sicher spielen

Es gibt so viele Piano-Patterns, dass es zwar sehr German wäre, alle einmal in Noten aufzuschreiben. Man würde aber nach mehreren A4-Notenseiten erkennen, dass es sich meistens um eine Kombination aus einzelnen Basstönen und Akkorden in der rechten Hand handelt.

Wenn ich mich für ein Pattern in einem Song entschieden habe, kann ich eigentlich dieses Pattern ersteinmal auf Timing üben. Nur ein Dur-Akkord (keine Akkordwechsel!), Drummachine an, ewig spielen und wiederholen. Falls ich nach mindestens 10 Minuten das Gefühl habe, dieses Pattern ist mir in die Finger gerutscht und ich merke, dass es sogar anfängt zu „grooven“, kann ich den Ablauf des Liedes mit Akkordwechseln und exakt diesem Pattern (ohne Melodie) durchspielen.

Sobald es ernst wird und das Lied den Leuten bekannt ist, kann ich nur die erste Zeile mitsingen und ab dann vollkommen auf Melodiespiel oder Gesang verzichten. Das Publikum singt, ich spiele dann nur das gewählte Begleitpattern durch den ganzen Song weiter und kann mich auf Timing konzentrieren. So schön und so einfach kann Popbegleitung sein.
Patterns kann man übrigens auch selbst erfinden oder von jeglichen Popstücken heraushören (Bass-Rhythmus in die linke Hand, weitere Begleitinstrumente in die rechte Hand – fertig)!

 

3. Hören, Hören, Hören!

Erfolgreiche Musiker und Profis können vor allem eins ist sehr gut: musikalisch hören. Weil wir ja die Verantwortung und beinahe grenzenlosen Spielraum für die Gestaltung des Popsongs zu haben scheinen, ist eine positive Begrenzung absolut notwendig. Dazu müssen wir uns immer wieder selbst reflektieren.

Wie begleiten gute Pianisten professionelle Sänger? Dafür brauchen wir keine Noten, dafür müssen wir auf Youtube gehen, die richtigen Videos anschauen und unsere Ohren spitzen. Wir sollten das, was wir bei unserem Spiel hören, natürlich jederzeit mit dem vergleichen, was wir in professionell gemachter Popmusik hören. Am Ende müssen wir uns auch fragen, wie das, was wir tun, auf den Hörer wirken wird. Nur Mut: Wenn unsere Antwort darauf heute lautet: “ das ist glaube ich ziemlich schrecklich für den Zuhörer“, sollte erst recht unser Ehrgeiz erwachen, besser und immer besser zu werden.

Wichtig! Nicht allein Geschwindigkeit oder Fingerfertigkeit machen einen guten Musikern aus, es sind die Ohren und die Hörerfahrung. Das Gehirn vergleicht beim Musizieren ja ständig das im „inneren Ohr“ vorgehörte mit dem tatsächlichen Spiel. Wenn wir also eine klare, erlernte Vorstellung von dem haben, wie es im Inneren Ohr klingen muss, werden wir richtig gute Musiker. Wir korrigieren dann irgendwann fast intuitiv die gemachten Fehler oder ungenaues Gewurschtel.

Das Popkantor Songbook – Sammlung neuer christlicher Lieder

4. Optionstöne / „Tensions“ / upper structure verstehen

Was mir häufig begegnet, ist Angst. Angst vor Akkordsymbolen, Angst vor dieser kleinen sus2 oder 6 oder 7, die neben den Grundakkorden stehen. Schon in dieser Leseprobe des Buches „Keyboardtabelle“ (Voggenreiter) werden auf der letzten Seite alle Optionstöne gezeigt: Buch Keyboardtabelle (Voggenreiter)

Man kann sie auch noch miteinander kombinieren, aber sie sind so etwas wie das Salz in der Suppe, mit dem es einfach etwas besser schmeckt. Wer sie weglässt, geht in den meisten Fällen auch kein Risiko ein. Also weg mit der Angst davor, einmal klarmachen, was die einzelnen Zeichen bedeuten und das war’s!

 

5. Weniger ist mehr

Die Schwierigkeit und zugleich das Hervorragende an Popularmusik-Begleitungen ist unser Gestaltungsspielraum. Spiele ich die Melodie mit? Verausgaben wir uns mit Licks und verrückten Läufen auf dem Klavier? Sind wir eigentlich die ganze Zeit nur dabei, allen zu zeigen, wie toll wir Pop-Piano spielen können oder begleiten wir den Inhalt des zu singenden Songs optimal?

Meine Antwort darauf ist: es kommt darauf an 🙂 In den meisten Fällen sehe ich unsere Aufgabe vor allem als defensive Begleiter der Lieder und versuche, mich in das Publikum hineinzuversetzen. Die Menschen sind nämlich die armen Dropse, die uns und den Planern ausgeliefert werden und mein Interesse ist es immer, dass Sie eine gute Zeit haben.

Gerade bei Popmusik sind die Ohren der heutigen Gesellschaft als Hörer sehr geschult. Es kann also nicht sein, dass wir als ausführende Musiker ein schlechteres Gehör für Timing und Pop haben als diejenigen, die in großer Zahl vor uns sitzen. Was ich übrigens auch zunehmend feststelle, ist die Leidensfähigkeit des Gottesdienstpublikums. Wenn etwas wirklich gut ist, sind die Menschen so unglaublich dankbar. Schon allein das sollte für uns Antrieb sein, uns lebenslang fortzubilden.

 

6. Cajon oder SängerIn oder Band?

Es scheint unrealistisch und immens aufwendig, sich jemanden zu suchen, mit dem man sowohl als SängerIn oder als menschlichen Drumcomputer an der Cajon Gottesdienste begleitet. In Wahrheit ist es aber total einfach und der Mehrwert ist so frappierend, dass ich nur dringend dazu raten kann.

Da gibt es Jugendliche, es gibt ChorsängerInnen, es gibt PastorInnen, Es gibt fähige Leute in Gemeinde, von denen man manchmal gar nicht weiß, was sie alles spielen können. Schon eine Person, die dabei ist, wertet die eigene Performance auf.

Wenn man ein Epiano hat, mit dem man Bass und Piano splitten kann, wird sogar die Besetzung Cajon-SängerIn-Keyboard-Bass zu einer Bandbesetzung. Wir schließen ein Mikrofon und weitere Instrumente direkt oder über ein kleines Mischpult an eine „HK Nano 300„, stellen sie hinter uns, damit wir uns selbst hören können und die Boxen zeigen ins Publikum. Mehr braucht man nicht für einen Bandsound in Kirche, im Gegenteil sollte es überhaupt nicht laut aufgedreht werden und meistens muss man den Subbass-Regler an der Nano nur auf etwas mehr als 1/4 stellen, damit der Bass nicht wummert.
Eine gut vorbereitete Probe für den Gottesdienst, in der die Stücke mehrmals durchgespielt werden und schon kann es losgehen.

 

7. Groove-Konzepte verstehen und nutzen!

Popkantor Band, Foto: Marc Müller

Wie schon erwähnt kann jedes Lied als Blaupause für eine Popbegleitung dienen. Damit ist gemeint, dass z.B. der Song „Knocking on Heaven’s Door“ von Bob Dylan ja ein ganz bestimmtes Band-Arrangement hat.

Der Bass spielt einen bestimmten Rhythmus, das Schlagzeug spielt einen ganz bestimmten Rhythmus, die Gitarren ebenfalls. Wir können jetzt für einen beliebigen anderen Song wie zB. „Vergiss es nie“ sagen, dass diese Instrumental-Rhythmen genau so gespielt werden sollen wie bei Bob Dylan. Also „matchen“ wir das Groove-Konzept, d.h. wir kopieren/übernehmen es.

Was bei dieser Technik äußerst hilfreich ist: wir müssen das uns manchmal sowieso relativ unbekannte Rad nicht neu erfinden, sondern wir wählen unglaublich gut funktionierende Welthits und machen Sie uns zueigen für unser spezielles Neues geistliches Lied.

 

 

 

Til von Dombois, Popkantor in der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers

 

Neugierig geworden? Dann hier für die „D-Ausbildung Popular“ in der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers anmelden: https://www.anmeldung.e-msz.de/content/d-popular-ausbildung-am-michaeliskloster-hildesheim-evluth-landeskirche-hannovers-481

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